Freitag, 4. Juli 2014

Retro-Grufti

Vor einiger Zeit habe ich in den weiten Welten des Internets das Wort „Retro-Grufti“ gelesen und sofort gewusst: damit identifiziere ich mich mehr als mit jedem anderen Begriff.
Doch halt! Habe ich dazu überhaupt die Berechtigung, mich als „Retro-Grufti“ zu bezeichnen?
Nehmen wir mich doch mal genauer unter die Lupe…
Ich schminke mich nicht. Weder im Alltag noch zum Ausgehen. Ich scheitere ja bereits daran, mir auch nur gescheit einen Kajalstrich zu setzen. Zumal ich meine Lebenszeit als zu kostbar erachte, um sie stundenlang vor dem Spiegel zu verbringen. Zwar trage ich seit über einem Jahr wieder einen partiell rasierten Schädel, doch habe ich mir meine Haare bislang nur einmal toupiert. Nach einer durchtanzten Nacht kann ich mir einfach besseres vorstellen, als früh morgens todmüde stundenlang unter der Dusche zu stehen, um die letzten Reste Sprühkleber aus der Mähne zu spülen. Und ich will gar nicht erst davon anfangen, dass ich nach einer solch ausgiebigen Dusche wieder vollkommen wach bin.
Schmuck ist eine Attitüde, der ich gespalten gegenüber stehe. Ich mag Schmuck – jedoch nicht an mir! Eine Kette am Hals ist das maximale, was ich derzeit an Schmuck an meinen Körper lasse. Und auch das nur äußerst selten. Selbst meine 22(!) Ohrringe habe ich auf mittlerweile zwei reduziert.
Rüschen, Netzhemd oder Fetzenlook – ich glaube, ich habe niemals dergleichen auch nur besessen. Ich mag es schlicht, wenn es um Kleidung geht. Am besten in uni-schwarz. Oder maximal ein Motivshirt von qwertee.
Jahrelang habe ich mich tagein tagaus mit Musik beschallt: Depeche Mode, The Cure, Anne Clark. Mittlerweile schweigen mich meine Boxen täglich an. Ich gehe auch nicht mehr wie früher mit Musik im Ohr aus dem Haus. Gelegentlich schalte ich auch die Musik im Auto aus (nachdem ich erst naiv hoffnungsvoll aufs Radio gewechselt habe und alle Sender enttäuscht durchgegangen bin).
Lässt man meine durchweg schwarze Kleidung weg und ignoriert meine Pikes, die ich auch gerne mal im Büro trage, dann bin ich wohl ein ganz durchschnittlicher Mensch mit kaum Ähnlichkeiten zu einem Bilderbuch Retro-Grufti.
Dennoch: ich trage gerne und aus Überzeugung immer schwarz und grenze mich sehr oft auch bewusst von der breiten Masse ab – sofern ich mich mit dieser nicht identifizieren möchte. Ich führe täglich Revolutionen im Kleinen. Ich altere sehr ungerne, aber mit Würde.
Immer wieder jedoch höre ich aber auch, dass es damals unter den Gruftis verpönt war, Sport zu machen (was ich gut verstehen kann, wenn man bedenkt, dass in den 80ern mit Jane Fonda die Aerobic-Welle über den Globus schwappte und die breite Masse in Bonbonfarben durch die Tanzstudios hüpfte). Aber Sport ist wohl das, was mich in den letzten Monaten am meisten geprägt hat. Wegen Sport habe ich mir die Haare abrasiert und die Ohrringe raus genommen. Mittlerweile besitze ich fast so viele Sportschuhe wie Alltagstreter. Mittlerweile gibt es in meinem Schrank eine Abteilung „Sportkleidung“. Aber zumindest in schwarz!
Ich weiß, dass ich zu jung bin, um die Wurzeln der Szene zu begreifen und zu verstehen. Kann man mir einen Vorwurf daraus machen, dass ich etwa zehn Jahre zu spät geboren wurde? Nein.
Für mich wirken die Wurzeln, die bis in mein Geburtsjahr zurück reichen, faszinierend, fast mystisch. Und so wage ich den Schritt, eine Komfortzone für mich in diesem alten Bild zu finden. Mit all dem, was ich bin und eben auch, was ich nicht bin.
Bin ich ein Retro-Grufti? Im Herzen, meiner Meinung und Verständnis nach, ja. Und verdammt ja, ich möchte auch ein wenig und in meinem Rahmen möglich danach aussehen!

(Hurra, der Bogen zum eigentlichen Thema ist geschafft)
Ich trage meine Pikes gerne und mit Stolz. Doch muss ich gestehen, dass sie zu knielangen Röcken ein wenig mau aussehen. Vor zehn Jahren etwa machte ich den Schnitt in meinem Leben, der Hosen aus meinem Alltag verbannte. Zu unbequem und zu beengend. Aber ich glaube, dass eine Pluderhose mich in meiner Bewegungsfreiheit nicht beengt und darüber hinaus auch noch gut zu Pikes passt. Im Internet gibt es diverse Anleitungen für Aladdin- und Saroulhosen. Diese entsprechen nicht ganz dem, was ich haben möchte, aber da werde ich mich sukzessiv drantasten. Um irgendwann eine tolle Pluderhose zu besitzen. Und irgendwann vielleicht auch nach Retro-Grufti aussehen. Wer weiß, vielleicht begründe ich damit ja die Strömung derjenigen Gruftis, die in Pluderhosen und Pikes Pull-Ups oder sogar Burpees macht. Wer weiß.

Kommentare:

  1. Du sprichst mir aus der Seele....und ich stelle mich somit auch an...wobei ich 2 selbstgenähte Röcke habe die Rüschen..und fürs Mera dieses Jahr habe ich eine Bondagehose genäht (naja besser eine ready made..;))....
    aber im normalen Leben trage ich immer schwarz....immer...sogar meine Chefin meinte einmal warum ich immer schwarz trage...^^...und sie würde mich gerne mal in einem frühlingsgrün sehen What?..never ever...:)
    schminken?...sehr sehr selten und ich bin denke ich mal älter wie du...;)...ich kanns nicht und ich will es auch nicht mehr lernen...^^...auch mir ist mir dafür meine Lebenszeit zu schade...;)

    in diesem Sinne....ich bin ein retro->Grufti....:)

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  2. Interessanter Artikel. So einen Artikel wollte ich auch schon lange mal schreiben. Ich werde auch oft gefragt, ob und warum ich nur schwarz trage. „Aus Überzeugung“ trifft es ganz gut.

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  3. Genau so geht es mir auch, immer schwarz aber beim Schminken bin ich ne Niete ;)
    Zudem grenze ich mich statt undercut mit Po-langen schwarzen Haaren ab :D

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